Schwalmtal. Im ersten Moment jubeln Schüler immer, wenn es heißt, eine Stunde falle aus – oder gar ein ganzes Fach für ein Schuljahr. Aber bei einigen - und vor allem bei den Eltern - setzt dann doch ein Denkprozess ein. Auf nicht absehbare Zeit kein Chemie- und Physikunterricht für ihre Töchter?
Das brachte Grit Franke auf die Palme, als sie den jüngsten Elternbrief der Europaschule Schwalmtal auf den Tisch bekam. Darin teilt Rektor Arthur Siemes den Eltern genau das mit: Zwei Lehrer seien in den Ruhestand gegangen, nun könne niemand mehr diese Fächer unterrichten. „Ich glaube zurzeit nicht daran, dass wir neue Lehrer bekommen können, da es kaum neue Lehrer gibt“, schließt Siemes die Passage in dem Brief. „Was sollen meine Töchter auf dem Arbeitsmarkt für eine Chance haben, wenn ihnen diese beiden Naturwissenschaften fehlen?“, fragt sich die besorgte Mutter.
„Diese Frage erübrigt sich, denn es wird an dieser Schule im kommenden Jahr Physik- und Chemieunterricht geben“, sagt Ralf Dolgner, Pressesprecher des NRW-Schulministeriums am Ende eines Telefonmarathons, das mächtig Staub aufgewirbelt hat. Die Bezirksregierung werde sich darum kümmern, die entsprechenden Gespräche seien in die Wege geleitet, verspricht er. Die Pressestelle der Bezirksregierung hatte zuvor knapp mitgeteilt, dass der Abschluss der Kinder nicht gefährdet sei, da sie ja das Fehlen der Lehrkräfte nicht zu verschulden hätten.
Dennoch - auch bei der IHK sieht man solchen Unterrichtsausfall kritisch. „Klar ist, dass die Betriebe von den Absolventen - egal, von welcher Schulform sie kommen, Grundwissen in den Naturwissenschaften verlangen“, sagt Frank Lorenz, Geschäftsführer für Aus- und Weiterbildung bei der IHK Mittlerer Niederrhein. „Hauptschulabsolventen gehen oft in handwerkliche Berufe, wo technisches Verständnis erforderlich ist.“ Deshalb halte er es für unumgänglich, dass Unterricht in Physik und Chemie stattfinde.
Das Problem liegt nicht in den Schulen, sondern in der Struktur. Wer sich heute noch entschließt, Physik oder Chemie zu studieren, um Lehrer zu werden, hat bessere berufliche Perspektiven, wenn er sich für eine Gesamtschule oder ein Gymnasium entscheidet. Für die Hauptschulen ist der Markt leergefegt.
Jakob Mülstroh, Rektor der Hauptschule Niederkrüchten, weiß ein Lied davon zu singen. Chemieunterricht konnte er bis zum Sommer 2009 erteilen lassen - dann wurde die Lehrerin dafür in den Regierungsbezirk Köln versetzt. Für Physik hat er zwei Lehrkräfte, die das können. „Beide kann ich nicht abgeben, weil sie wichtige zusätzliche Aufgaben in der Schule wahrnehmen, zum Beispiel in der Koordination der Berufsvorbereitung“, sagt er schnell – als ahne er, was komme. Denn die Zusage des Ministeriums, dass in Schwalmtal künftig Physikunterricht stattfinden werde, muss umgesetzt werden. „Das kann geschehen, indem man Kollegen überzeugt, in Zukunft fachfremd Physik zu unterrichten“, erklärt Schulrat Detlev Stein, „oder indem man von einer anderen Schule einen Lehrer abzieht und ihn mit einem in Schwalmtal tauscht.“ Denn dass der Lehrer-Markt leergefegt ist, dass man keinen bekäme, wenn man eine Stelle ausschreibe, bestätigt er.
„Es kann nicht sein, dass hier ein Systemfehler auf dem Rücken der Kinder ausgetragen wird“, sagt Bürgermeister Reinhold Schulz. Er sei stolz auf die Arbeit, die an der Europaschule geleistet werde. „Da zeichnet sich in den letzten Jahren eine Trendwende ab, wieder hin zur stabilen Hauptschule.“ Wenn man eine politische Entscheidung zur Abschaffung der Hauptschule treffen wolle, dann solle man das tun: „Aber offen und ehrlich - und als harten Schnitt.“ Das Ausbluten „auf die kalte Art“, wie es sich hier andeute, sei der falsche Weg.
Eltern, Kinder und Schulleiter in Schwalmtal werden genau beobachten, was in Sachen Physik- und Chemielehrer geschieht. Auch an anderen Schulen wird man das tun, denn niemand ist bereit, einen der wenigen noch vorhandenen Hauptschullehrer kampflos herzugeben.