Nettetal. Eine unappetitliche Suppe: Verkochte Spaghetti und verfaulte Salatblätter schwimmen zwischen Kotstücken durch den Kanal. „Für Ratten ist das ideal, je mehr Essensreste in den Kanal gelangen, desto mehr Tiere werden angelockt“, klagt Harald Winkel.
Gerade in der kalten Jahreszeit hat der Mitarbeiter des Abwassernetzes, wie die für Kanäle zuständige Abteilung der Stadtwerke heißt, jede Menge zu tun: Kanaldeckel anheben, Giftköder auslegen, kontrollieren, nachlegen. Ergebnis fast jedes Mal: Die Ratten sind unter uns.
„Nichts mehr da! Vor drei Tagen habe ich hier Köder ausgelegt, sind schon alle weg. Das müssen sehr viele Ratten gewesen sein“, meint Harald Winkel. Er kontrolliert die Kanäle: Über zwei Meter unter ihm im Kanalschacht hängt eine leere Drahtschlinge, daran war der Giftköder befestigt. Im Bereich Poensgenstraße und Kehrstraße in der Kaldenkirchener Fußgängerzone scheinen die Ratten besonders aktiv zu sein. Winkel verschließt den Schacht, wiederholt das Spielchen ein paar Meter weiter in der Rathausgasse und meint: „Hier scheint’s ideal für Ratten zu sein, da vorne eine Metzgerei, hier eine Bäckerei, viele Haushalte, also jede Menge Abfälle.“
Erfahrungswerte seien das, erläutert Heinrich Striebeck, Leiter Abwassernetz: „Wir haben in Nettetal festgestellt, dass in allen Stadtteilen im Bereich von Hotels, Gaststätten oder Metzgereien besonders häufig Ratten in der Kanalisation auftauchen.“ Wie häufig sie unter der Erde in den 290 Kilometern Nettetaler Kanälen sind, das jedoch sei nicht messbar: „Experten schätzen, dass auf jeden Menschen auf der Erde eine Ratte unter der Erde kommt.“ Demnach gäbe es in Nettetal über 42.000 Ratten - mit hoher Vermehrungsrate...
Der Hauptgrund für das Auftreten der schädlichen Nager: „Jeder Essensrest, der ins Klo gespült wird, ist ein gefundenes Fressen für Ratten“, erklärt Striebeck. Sein Mitarbeiter Winkel ergänzt: „Ich kann manchmal nur stauen, was da alles durch die Rohre fließt, halbe Mahlzeiten, Gemüse und das alles mitten in den Fäkalien, die durchs Klo kommen.“ Oft habe man schon an die Bürger appelliert, keine Reste von Mahlzeiten, auch nichts Verdorbenes, durchs Klo zu spülen: „Gegen die Bequemlichkeit kann man wohl nichts machen“, zuckt Winkel die Schultern.
Die Wanderratten selbst, im Volksmund fälschlich Kanalratten genannt, sind nicht gefährlich, doch ihre Parasiten wie Flöhe, Viren und Bakterien können Krankheiten übertragen. Und sie sind Vorratsschädlinge, finden sie oben nicht genug, zieht’s sie in die Kanalisation. Dort sind seit 2008 Harald Winkel und sein Kollege Herbert Verkoyen nach intensiver Schulung für die Bekämpfung zuständig. Vorher wurden die Aufträge an Fremdfirmen vergeben, „doch in Eigenregie lassen sich“, so Striebeck, „die Maßnahmen besser kontrollieren“.
Die Giftköder, die aussehen wie dicke Salamischeiben, töten die Tiere schmerzfrei - und zwar mit verzögerter Wirkung, so dass die intelligenten Nager die Ursache nicht erkennen. Dazu kommen bei Bedarf Streugifte. Doch mit zu vielen Essensresten in der Kanalisation kann selbst der „schmackhafteste“ Giftköder nicht konkurrieren. Harald Winkel: „Ins Klo gehören keine Essensreste und in die Abflüsse keine Futterreste, genauso wenig übrigens wie auf den Kompost, das lockt alles nur Ratten an.“
In der Kaldenkirchener Fußgängerzone werden die Schädlinge in der warmen Jahreszeit immer wieder mal gesichtet, wie Geschäftsleute berichten. „In solchen Fällen sollte man das Ordnungsamt anrufen, das dann ein Fachunternehmen zur Bekämpfung beauftragt“, so Heinrich Striebeck. Parallel dazu werde seine Abteilung in der Kanalisation aktiv. Wer Ratten sieht, kann sich gleich an die Stadtwerke wenden, die regelmäßig kontrollieren. Wie jetzt in Kaldenkirchen, wo Harald Winkel schon nach dem Anheben des ersten Kanaldeckels feststellt: „Sie waren hier, da unten am Rand liegen lauter Rattenkötel!“
Wer Ratten sichtet, sollte sich sofort ans Ordnungsamt wenden: Telefon 02153/8983200 (außerhalb der Dienstzeiten: 02162/ 29088), bei Sichtungen an oder um Kanäle sind die Stadtwerke zuständig: 02157/12050.